In zwei Tagen ziehen sie wieder durch die Straßen: Kinder, verkleidet als Skelette, Vampire, Zombies. Der Zombie ist dabei die interessanteste Figur. Keine Superkraft, kein Plan, keine Eile – und trotzdem kommt er an. Immer. Man kann ihm ausweichen, ihn ignorieren, ihn totsagen. Er läuft einfach weiter.
Ich kenne dieses Bild aus Projekten. Die SAP-Einführung, ursprünglich auf zwei Jahre geplant, läuft jetzt im vierten Jahr. Das neue PLM-System steckt seit Jahr sechs in der finalen Rollout-Phase. Niemand bricht diese Projekte ab – zu viel Geld, zu viel Reputation hängt daran. Aber niemand würde auch behaupten, sie leben. Sie wandern weiter, Lenkungskreis für Lenkungskreis, Budgetfreigabe für Budgetfreigabe. Projekt-Zombies.
Woran Sie einen Zombie erkennen
Ein Zombie-Projekt ist nicht gescheitert – gescheiterte Projekte werden beendet. Ein Zombie-Projekt liefert auch nicht – das würde es ja beenden. Es bewegt sich in einem Dazwischen: Der Statusbericht zeigt seit Monaten „85 % fertig”. Der nächste Meilenstein wird verschoben, nicht infrage gestellt. Die Schlüsselpersonen, die das Projekt noch wirklich verstehen, wechseln reihenweise die Abteilung – und mit ihnen das Kontextwissen.
Die Forscherin Isabelle Royer hat genau dieses Muster in ihrer vielzitierten Untersuchung beschrieben: Selten ist es Inkompetenz, die solche Projekte am Leben hält. Es ist ein kollektiver Glaube im Projektteam, der jede ernsthafte Korrektur als Verrat am gemeinsamen Vorhaben empfindet – und der umso stärker wird, je mehr bereits investiert wurde.
Aus zwei geplanten Jahren werden vier. Aus vier werden acht. Und jedes Jahr, das dazukommt, macht den Abbruch unwahrscheinlicher – nicht weil das Projekt besser wird, sondern weil schon so viel investiert wurde, dass ein Ende wie ein Scheitern aller Beteiligten aussähe.
Leuchtturm und Takt – notwendig, aber nicht ausreichend
In den letzten beiden Beiträgen ging es um zwei der drei Säulen, die ein Projekt vor genau diesem Schicksal bewahren: den Leuchtturm – die Orientierung, das Wozu, das auch im dritten Jahr noch beantwortet, warum dieses Projekt überhaupt existiert. Und die Ergebnisse im Takt – der regelmäßige Rhythmus, in dem etwas Überprüfbares entsteht, statt nur Pläne fortzuschreiben.
Beide sind unverzichtbar. Aber ich erlebe Projekte, die einen klaren Leuchtturm haben und trotzdem jahrelang wandern. Projekte, die brav im Zwei-Wochen-Takt liefern – und trotzdem nie fertig werden. Leuchtturm und Takt beschreiben, wohin ein Projekt will und in welchem Rhythmus es dorthin kommt. Sie beantworten nicht die Frage, die Zombie-Projekte tatsächlich am Leben hält: Woher nimmt dieses Projekt überhaupt noch die Energie, weiterzulaufen – neben all den anderen Projekten, die gleichzeitig um dieselben Köpfe konkurrieren?
Der dritte Pfahl: Fokus
Genau hier liegt die dritte, oft übersehene Säule: Fokus. Nicht als Tugend, sondern als Ressourcenfrage. Die meisten Großprojekte sterben nicht an einer schlechten Idee. Sie werden untot, weil sie nie die volle Aufmerksamkeit der Menschen bekommen, die sie eigentlich tragen sollen. Die SAP-Projektleitung sitzt gleichzeitig in drei anderen Lenkungskreisen. Die PLM-Verantwortliche wechselt im Stundentakt zwischen vier Projekten und dem Tagesgeschäft. Multitasking kostet nachweislich Produktivität: Wer ständig zwischen Projekten hin- und herspringt, braucht für dieselbe Aufgabe spürbar länger, als wenn er sie am Stück bearbeitet.
Ein Zombie-Projekt ist also oft kein schlecht geplantes Projekt. Es ist ein Projekt, dem die Organisation nie erlaubt hat, Priorität zu haben – weil gleichzeitig zwanzig andere Vorhaben um dieselben Ressourcen buhlen. Jedes für sich mit Leuchtturm und Taktung ausgestattet. Und trotzdem verhungert jedes ein wenig, weil keines die Ressourcen bekommt, die es bräuchte, um tatsächlich zu Ende zu kommen.
Fokus heißt konkret: weniger Projekte gleichzeitig starten. Projektwürdigkeit ernsthaft prüfen, bevor etwas den Status „aktiv” bekommt – und diese Prüfung auch für laufende Projekte wiederholen, nicht nur beim Start. Und – das ist der unbequeme Teil – auch mal ein laufendes Projekt stoppen. Nicht weil es schlecht ist, sondern weil zwei andere gerade wichtiger sind und es diese ausbremst.
Leuchtturm gibt die Richtung. Takt gibt den Rhythmus. Fokus gibt die Energie, die es braucht, damit aus Richtung und Rhythmus tatsächlich ein Ergebnis wird – und kein Projekt, das zwar weiterläuft, aber nie ankommt.
Wie viele Zombie-Projekte wandern gerade durch Ihre Organisation – und was fehlt ihnen tatsächlich: der Leuchtturm, der Takt oder schlicht der Fokus, der ihnen die Ressourcen zum Leben gibt?
Praxisdialog · jeden 3. Donnerstag · nächster Termin: 19. November
Bringen Sie Ihr eigenes Zombie-Projekt mit – wir sezieren es gemeinsam.
Bis Donnerstag – Heinz
Quellen
- Isabelle Royer: Why Bad Projects Are So Hard to Kill – Harvard Business Review, Februar 2003.
- The Standish Group: CHAOS Report – laufende Untersuchungsreihe zu Erfolgs- und Scheiterquoten von IT-Großprojekten, seit 1994.